von Aline

Wir haben gut ein Jahr geackert wie die Wahnsinnigen, vorbereitet,
geplant, gespart. Die Schwangerschaft mit den Twinnis war der Startschuss.
Schon bei den vorangegangenen Elternzeiten hatten wir vor zu reisen, was aus
den verschiedensten Gründen nie geklappt hat. Unser Elternzeit-Auszeit-Plan hat
in seiner ursprünglichen Fassung natürlich nur ein Kind vorgesehen.
Als wir
erfahren haben, dass es zwei Kinder sind hat sich Stephan gefreut wie verrückt.
Ich dagegen hatte volle drei Wochen Schnappatmung…und die Hose voll! Die wachsende
Erkenntnis, dass dies nun wohl meine letzte Elternzeit sein wird, hat mich aus
der Starre geholt. Jetzt oder nie!!

Die Pläne müssen JETZT angegangen werden! Hmm..ok. Das ist
in der Theorie viel einfacher als im realen Leben. Plötzlich sehe ich mich mit
der reellen Chance konfrontiert dass wir tatsächlich für ein Jahr aussteigen werden.
Wenn wir alles dran setzen. Ich bin schier gelähmt vor lauter Angst vor der
eigenen Courage. Da habe ich so vollmundig von unseren Plänen geschwärmt, aber
der Weg dahin.. Langsam dämmert mir, dass der Weg verdammt anstrengend werden
wird. Will ich das eigentlich wirklich oder verrennen wir uns in eine
Traumvorstellung? Und was tue ich wenn es wirklich klappt?

Glücklicherweise ist Stephan voller Tatendrang und ersetzt erst
mal die alten Fenster im Haus und arbeitet die alte, schäbbige Haustür auf.
Wunderschön! Ich fotografiere und verkaufe alles was nicht niet-, und nagelfest
ist. Langsam komme ich in Schwung und miste endlich mal richtig aus.

Die ganzen bürokratischen Angelegenheiten sind meine
Baustelle. Ich lasse die Energieversorgung Gas, Wasser, Strom, auf Null stellen.
Zu meiner totalen Überraschung realisiere ich, dass wir monatlich eine Grundmiete
für die Zähler berappen. Schlappe 49,-Euro pro Monat. WOW!!

Die Mülltonnen abzubestellen, Reisepässe erstellen lassen
und Malte im Kindergarten abzumelden gehört zur Kategorie „unkompliziert“.
Schwierig wird es, wenn man versucht der GEZ klar zu machen, dass es doch
(generell, aber das nur unter uns) Schwachsinn ist Gebühren zu zahlen, während
man außer Landes weilt. Kommentar der GEZ: „Aber das Haus steht ja noch“. Ja
genau, es steht LEER! Abreißen lassen ist ja wohl keine Alternative! Nicht besser die Telefongesellschaft, bei der man quasi
versterben muss um aus dem Vertrag zu kommen. Und Segeln ist übrigens offiziell
gar keine Form zu reisen. Ah ja! Na dann…

In unserer Freizeit beziehen wir alle Boots-Polster neu und
nähen Sitzkissen für den Salon und das Cockpit. Wie das klingt…!! Wenn ich „wir“
sage meine ich eigentlich Stephan. Irgendwann hat er auf ebay Kleinanzeigen
eine uralte Pfaff Nähmaschine geschossen und seine Liebe für die Näherei
entdeckt. Dann war er nicht mehr zu stoppen. Polster, Kissen, Überzüge für alle
möglichen Bootsteile – unglaublich! Mittlerweile sind es DREI Nähmaschinen
inklusive einer Overlock, doch das nur am Rande. Das ist der Anfang in Sachen
Bootszubehör und umfangreicher Umbaumaßnahmen. Die Liste ist ellenlang. Jeder
der mit Booten zu tun hat kennt das. Mir war das nicht klar! Wir geben einen
Großteil unseres Geldes für die Anschaffung neuer Teile aus. Von der
Rettungsinsel bis zum neuen Geschirr. Dafür sind wir jetzt im Rahmen unserer
Möglichkeiten bestens ausgestattet!

Und es wird natürlich gebaut! Ein neuer Tisch für das
Cockpit, ein neuer Deckel für die Backskiste, ein neuer Ankerkasten, eine
Halterung für den Windgenerator, eine Zugvorrichtung für unseren
Mini-Kühlschrank, ich könnte Stunden so weiter machen..

Mir fällt ein Stein vom Herzen dass wir unser Haus nicht
vermieten werden. Einfach für den Fall das wir zurück wollen. Vor vermieteten
Tatsachen zu stehen ist keine Option. Soviel Sicherheit brauche ich einfach. Die
Vorstellung wirklich zu gehen kommt mir, je näher unsere Abreise rückte, auf
einmal völlig surreal vor. Ein Jahr lang nicht mehr zuhause sein?! Ich war noch
nie so lange unterwegs…